Wie man sich gegen einen Leoparden verteidigt

Heute ist der 4.11.2016. November. Rot und gelb-leuchtende Blätter schmücken die Bäume, Sonnenstrahlen unternehmen letzte Versuche die kürzer gewordenen Tage noch einmal aufzuwärmen und auf den von Kastanien und nassem Laub bedeckten Straßen läuft man nur noch mit dicken Mänteln von Haus zu Haus. Auch im Ossecker Stadion beim Training werden von Markus (meinem Trainer) nun keine kurzen Hosen mehr gestattet! Es ist zu kalt! Der Herbst ist da! Hat man nicht das Glück, die letzten Sonnenstrahlen nochmal genießen zu können, muss man sich mit tagelangem Dauerregen, heftigem Wind und viel zu tiefen Temperaturen rumschlagen. Spätestens mit dem Start der Hofer Filmtage, merkt man nun, dass man sich hier in Hof endgültig auf die kalte Jahreszeit einstellen muss. 
Aber halt! Irgendwas war doch.. Ich bin ja in Ruanda! Bei uns ist wettertechnisch noch alles beim Alten.  Nach wie vor zeigt das Thermometer durschnittlich 26°C an, letzte Woche hatte ich mir meinen ersten Sonnenbrand geholt und von der Regenzeit hätte ich auch mehr erwartet … soviel zum Wetter. Die Geschichten über diesen sogenannten Herbst hörte ich nur von Erzählungen aus der fernen Heimat, in der es vielleicht noch ein paar Menschen gibt, die sich dafür interessieren, was denn der Moritz in den letzten Wochen so in Ruanda getrieben hat. Denn lange habe ich mich nicht mehr gemeldet und man mag es kaum glauben, aber es ist wieder unglaublich viel passiert. Alles noch einmal Revue passieren zu lassen ist deshalb gar nicht so einfach. Ich versuchs natürlich trotzdem!

Fangen wir also mit der schon angekündigten Geschichte und den Bildern von der Wanderung auf den Mount Jali an!

Es war ein warmer Sonntagmorgen an dem Philipp, zwei andere deutsche Freiwillige und Ich uns aufmachten, um den 1833m hohen Mount Jali zu erklimmen. 

Glücklicherweise konnte uns ein Freund von Job mit einem erstaunlicherweise sehr neuen und sauberen Auto aus Kimisagara abholen und raus aus dem Trubel der Großstadt an den Fuße des Hügels schaffen. In einem weniger dicht besiedelten, ländlichen Dorf begannen wir unsere Wanderung auf einer roten Sandpiste. Ausgestattet mit der Information, dass uns irgendwo ein „Guide“ treffen und uns den Berg hinaufführen würde, den Funkmasten auf dem Gipfel im Blick und hoffentlich genug Wasser in den Rucksäcken ging es einfach immmer der Nase nach bergauf. Die erste Herausforderung war dabei, ersteinmal den Weg aus dem Dorf hinaus zu finden. Vorbei an „abazungu“ (Plural von muzungu: Weißer) schreienden Kindern, einer renovierungsbedürftigen Kirche und einem auf einer einsamen Wiese singenden Kirchenchor, der dem Beginn der Wanderung eine sehr beruhigende Atmosphäre verlieh, ging es quer durchs Dorf. 

Bis auf einmal hinter uns ein kleiner Mann  auftauchte, der uns sein Handy ans Ohr hielt. Job’s Stimme zu hören, war also dann das Zeichen, dass der Mann mit dem Handy und den alten Kleidern unser Guide sein würde. Er konnte natürlich kein Englisch, war aber umso mehr ein Meister der Zeichensprache, wie sich später noch herausstellte. Von singenden Vögeln begleitet (die es in Kigali so gut wie nicht gibt), führte er uns also durch eine kleine Minischlucht aus dem gemütlichen Dorf hinaus. 

Über schmale Wege ging es steil bergauf. Wobei man sagen muss, dass diese Wege nicht mit offiziellen, ausgeschilderten Wegen aus Deutschland vergleichbar sind. Natürlich nicht. Jedoch erstaunte mich der Pfad dann doch, der die meiste Zeit ohne Kurven nur schnurstracks geradeaus ging. Geradeaus und vor allem steil bergauf. 

Auch wenn die morgendliche Sonne sich noch hinter ein paar Wolken versteckte, kamen wir Höhenmeter für Höhenmeter mehr ins Schwitzen. Nun machte sich auch das Talent unseres Guides bemerkbar, als er uns zunächst von einer Fußstapfen eines früheren Königs aus Ruanda, der hier ebenfalls vor langer Zeit einmal auf dem Mount Jali war, erzählte (Ungefähr so hab ich mir die Geschichte später zusammengereimt) und uns darauf erklärte, wie man die Leoparden, die es hier seiner Meinung nach ganz sicher geben würde, abwehren kann:
1. Man nehme einen 30cm langen, 1cm dünnen Ast in die rechte Hand

2. In die Linke einen ca. 100g schweren Stein

3. Mit diesen gefährlichen Waffe ausgesttatet geht man in geduckte  Verteidigungsstellung

4. Man tritt dem Leoparden todesmutig von Angesicht zu Angesicht gegenüber

5. Nun wirft man den Stein in Richtung des Leopards (Damit man auch wirklich die volle Aufmerksamkeit des Raubtiers erhält)

6. Den nahezu unzerbrechlichen Ast benutzt man nun, um den Leopard mit flinken, gezielten Stichen kampfunfähig zu machen

7. Du hast gerade einen Leoparden besiegt! Jetzt trotzdem lieber schnell weg!

8. [Anmerkung der Redaktion]: Im Ernstfall vielleicht doch eher auf diese Methode verzichten und auf die genauso hoffnungslose „Lauf so schnell du kannst“ Variante ausweichen! Viel Glück dabei!
Ok, aufgrund der sprachlichen Barriere und den nicht ganz präzisen Pantomimekünsten des Guides ließ seine Erklärung einigen Interpretationsfreiraum. Aber das wäre doch eine plausible Erklärung gewesen!

Weiter im Text. Es ging weiter zum Rand einer tiefen Schlucht, die an und für sich schon ein Fotowert wa,  von der man allerdings uch noch die höchsten Gebäude Kigalis und ein schönes Panorama  über Ruandas tausend Hügel erblicken konnte. Möglichkeiten, Erinnerungsfotos zu schießen, gab es hier genug. 

Nachdem unser kleines Fotoshooting nicht ganz unentdeckt blieb, schlossen sich zunächst dem Shooting, später der Wanderung, 4 kleine Kinder und ein Jugendlicher, der sogar ein bisschen Englisch sprechen konnte, an. Anscheinend waren sie auch irgendwie mit dem Guide verwandt, denn sie führten uns nun einige hundert Meter weiter steil den Berg hinauf, um uns zu einem der einzigen 3 Häuser zu führen, die an dem steilen Hang erbaut wurden. Hier angekommen, lud er uns in sein bescheidenes Heim ein. 

Nachdem wir in das Haus eintraten, sahen wir, dass seine Lehmhütte aus zwei ca. Sechs Quadratmeter großen Zimmern bestand. Wobei das erste Ess-, Wohn- und Empfangszimmer ausgestattet mit einer kleinen, wackligen Holzbank, einem ein bisschen stabileren, kleinen und alten Holztisch und das hintere das Schlafzimmer darstellen sollte. Bei diesem Anblick eines aus meiner Sicht wirklich super super kleinen und bescheidenen Lehmhauses  wurde mir erneut bewusst, wie krass doch die Armut in den abseits der Zivilisation gelegen Gegenden ausgeprägt ist. Als starken Kontrast konnte man die kurz vorher in der Ferne erspähte Innenstadt von Kigali nehmen, die, wie ich immer wieder feststelle, sämtliche  Klischees, wie man sich eine Großstadt in Ostafrika vorstellen würde, sprengt: moderne Hochhäuser, gut ausgebaute Straßen und vor allem ein sauberes und extrem gepflegtes Stadtbild sind nur wenige Punkte, die man an dieser Stelle nennen könnte. 

Aber zurück zur Wanderung! Nach der kurzen Trinkpause im „Wohnzimmer“ ging es weiter steil und gerade den Berg hinauf. Eigentlich hatten wir uns für einen uns plausibleren und kürzeren Weg entschieden, der schnurstracks Richtung der Funkmasten am Gipfel führte. Uns riet man davon allerdings ab, da in diesem Waldstück anscheinend Menschen hausten, die andere Menschen umbringen würden. Von dieser ein bisschen unglaubwürdigen aber dennoch beunruhigenden Information  abgeschreckt entschieden wir uns, den Anweisungen des Guides Folge zu leisten und einen anderen Weg einzuschlagen. Zu dem Eigenentschluss kam es übrigens erst, nachdem wir uns eigentlich schon von dem Guide und seinem Gefolge verbschiedet hatten. Er hätte ein kleines Trinkgeld erhalten und wir wären abenteuerlustig in das von wilden Tieren und Menschen tötenden Waldbewohnern besiedeltes Waldstück hineinspaziert. Aber so ging es also mit dem Guide, vielen Kindern und dem älteren Jungen durch ein sichereres Waldstück weiter nach oben. Nach ungefähr 30 Minuten schweißtreibender Wanderung in die tiefen des Waldgebiets des Mount Jali trafen wir plötzlich auf etwas unerwartetes. Eine Straße! Zivilsation hier? Hätte keiner von uns erwartet. Auf der anderen Seite der Straße ging es relativ flach zu einer kleinen Siedlung, die sich später als der Jali-Sektor rausstellte. Neben einigen Häusern und hinter einer hügeligen Wiese, die sich als Fußballplatz herausstellte stand eine Kirche, aus der beruhigende Lobpreislieder der Gemeinde des Sektors schallten. Es breitete sich eine sehr entspannte Atmosphäre auf dem Hügel aus. Hinzu kam ein traumhafter Ausblick hinter dem Gotteshaus über weitere Hügel in der Ferne. Erinnerungen, die man sich gerne im Gedächtnis behält. 

Für uns war, auch wenn wir nicht ganz bis zur Spitze gelangten, hier der höchste Punkt erreicht, denn wir wollten uns noch mit Job nach seinem Fußballtraining unten im Tal in einer Bar treffen. Also ging es wieder den gleichen Weg samt Begleitung zurück. Erstaunlich war dabei, wie trittfest die teilweise noch unter zehnjährigen Kinder waren. Wir Freiwilligen mit unseren Sportschuhen beschwerten uns schon, dass wir doch die Wanderschuhe anziehen hätten sollen, denn so wirklich jeder von uns rutschte mindestens zweimal auf dem steilen Weg aus. Ich landete an einer Stelle auch plötzlich mal auf meinem Hosenboden. Aber die noch sehr jungen Kinder waren so extrem trittfest mit ihren alten und kaputten Flip-Flops, dass Sie uns innerlich einfach nur ausgelacht haben müssen. Leise schmunzeln kann man da nur, als man merkt, sich noch kurz vor der Abreise für eine Wanderung in den Alpen extra neue Wanderschuhe gekauft zu haben. Ein Wanderschuh ist eben nur so gut, wie sein Träger, musste ich an der Stelle selbstironisch feststellen. Das Geschick fand ich wirklich bewundernswert! 

Der weitere Abstieg verlief relativ unspektakulär und wir trafen Job im Tal in einer Bar mit seiner gesamten Fußballmannschaft. Gestärkt durch Cola und Bruchette (Ziegenfleischspieße) ging es auf einem Fahrradtaxi zum Bus zurück. Ein Fahrradtaxi ist sozusagen die billigere aber für den Fahrer anstrengendere Variante zu den Motos. Hinten auf dem Sattel ist eine Art gefederter Sitz befestigt und wenn man Glück hatte, konnte man sich auch noch an einer Stange mit den Händen festhalten.

 Nur mit einer kleinen Unterbrechung, da eine Speiche meines Fahrrads brach und der Fahrer sie schnell entfernen und wegwerfen musste, brachte er mich ansonsten heil zum Bus, mit dem wir wieder zurück nach Hause – nach Kimisagara fuhren!

Das war also unsere Wanderung zum Mount Jali!

Man kann sich nach langen Flaute an Beiträgen übrigens freuen! Ich habe mir vorgenommen, diese Woche jeden Tag einen Beitrag zu veröffentlichen, damit ihr wieder auf dem neuesten Stand seid. Mal sehen, wie das klappt! Morgen gehts dann wirklich mit Bildern um die Ausflüge nach Musanze und Ngarama!

Und Danke, dass ihr auch nach 3 Monaten meinen Blog immer noch lest 😉 ! Ich freue mich, wenn er euch gefällt! Wenn ihr noch mehr Geschichten und Erlebnisse von uns 4 Frewilligen des ASC hören wollt, könnt ihr auch mal in den Blogs von Martha oder Philipp vorbeischauen, sie würden sich freuen!

Grüße nach Hof!

Euer Moritz

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