Highlife in Kigali

Über gleichzeitiges genießen und kritischem hinterfragen.

Über Luxus, den ich nicht erwartet hatte:

​Ein edles Hemd übergestreift kombiniert mit braunen Lederschuhen und einer äußerst farbenfrohen Hose ging es vor langer Zeit (4-5 Monate sind es bestimmt schon her) in die Jumelage – dem Koordinationsbüro zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz. Eine Delegation aus dem kleinen Bundesland, die zu der Zeit die verschiedenen Projekte des Koordinationsbüros besuchten, mussten natürlich mit einem ordentlichen Empfang willkommen geheißen werden, der an dem Abend in ebengenanntem Büro stattfand. Viele Anzugträger sowie schick gekleidete Damen fanden wir – Philipp und ich – vor, als wir natürlich mal wieder viel zu spät bei der Feier eintrafen. Auch der Innenminister aus Reinland-Pfalz war anwesend und hielt eine Rede, die wir dank unseres angepassten Zeitmanagements leider verpassten. Darunter mischte sich außerdem die Freiwilligenfraktion aus ganz Kigali. Sich auf einen geselligen Abend freuend wurden meine Erwartungen sogar bei weitem übertroffen. Die Bar schenkte aus, was und wie viel man wollte und unzählige ebenfalls sehr schick gekleidete Kellner liefen mit Tabletts durch die Menge, um köstlichste Häppchen an uns loszuwerden. Da sagt man nicht nein und Schwupps! Links ein Fleischspieß ergattert, rechts eine saftige Bratkartoffel, aber Mist! Keine Hand mehr frei! Hinter mir entging mir gerade die erste Nachspeisenfuhre. Zum Glück war es nicht die letzte! So konnten wir auch die superleckeren Erdbeertörtchen sowie Pfannkuchen mit Schokocreme noch kosten. Das ganze umrahmt mit guter Musik, einer traditionell ruandischen Tanzgruppe und einigen Solokünstlern. Was für ein Abend!

Ein weiteres Highlight war ein Jazz Konzert im Serena Hotel. 

Das Hotel, welches zu den Besten in ganz Kigali zählt, veranstaltete ein Konzert der besonderen Art. Natürlich zu spät trafen Philipp und Ich beim Empfang des Hotels ein, um überrascht festzustellen, dass das Konzert tatsächlich pünktlich angefangen hatte. Aber allzu viel hatten wir noch nicht verpasst, also wurden wir zu einer großen Tür im hinteren Teil der Empfangshalle gebracht. Als wir durch die großen und schweren Türen in den Konzertsaal eintraten, bot sich uns eine knisternde Atmosphäre. Zu unserer Verwunderung standen wir in einem modernen und großen Konzertsaal. Auf gesamter Fläche mit Teppichboden ausgelegt wurde er mit modernen Wandkunstwerken geschmückt und in einiger Entfernung sah man ein Ton- und Lichtspektakel. Auf der Bühne war das Konzert nämlich schon in vollem Gange. 

Also verdauten wir schnell unseren ersten überraschten Eindruck, stiegen einige Stufen hinter der Eingangstür hinab und suchten uns einen Platz in den hintersten Reihen des Publikums, das nebenbei zu ca. 75% aus Weißen bestand. Ein Solosaxophonist aus Frankreich brachte an diesem Abend eine einzigartige One-Man-Show auf die Bühne. Jazzmusik aus dem Genre Elektro/Modern – Jazz wurde bis aufs äußerste gereizt. So wurden Jazzmelodien teilweise bis zur Unkenntlichkeit durch Synthesizer verzerrt, durch elektronische Spielchen in eine andere Dimension gehoben oder durch unbeschreibliche Kreativität (ich weiß weder wie so etwas funktioniert noch wie ich es beschreiben soll) in andere Sphären versetzt. Umrahmt wurde die Musik außerdem von unglaublichen Lichteffekten. Nebelschwaden, Blitze oder Laser fusionierten so mit der Musik, dass ich als Zuschauer manchmal sogar die Orientierung verlor und mir nicht mehr Recht klar war, was Guillaume Perret da vorne mit seinem Saxophon anstellte. Da ich selber seit vielen Jahren Saxophon spiele, war mir diese extraordinäre, elektronische Ausreizung der Jazzmusik teilweise ein Bisschen zu viel des Guten. Genießen konnte ich die Show dennoch absolut. Natürlich nicht nur, weil sie kostenlos war, sondern weil ich sie mit einem leicht aufgewühlten aber auch sehr faszinierenden Gefühl erleben durfte. Mein Fazit: Verrückt, was man mit einem Saxophon alles so anstellen kann!

Am 29.10. wurde in die Residenz des deutschen Botschafters geladen. Der Tag der Deutschen Einheit wird auch hier in Ruanda jedes Jahr gefeiert. Wer jetzt gut aufgepasst hat, weiß, dass am 29.10 gar kein Tag der Deutschen Einheit ist. Da es seit Oktober 2016 allerdings einen neuen deutschen Botschafter hier in Ruanda gibt, mussten die Feierlichkeiten wegen des Umzugs ein Bisschen verschoben werden. Als wir an besagtem Abend im frisch maßgeschneidertem Anzug (für 35€) in der Residenz erschienen, staunten wir nicht schlecht.

 Eine deutsche, ruandische und europäische Fahne schmückten den Eingang, an dem uns zunächst der Botschafter höchstpersönlich mit einem Handschlag begrüßte, uns wurde ein Willkommens-Sekt überreicht und wir traten durch das wunderschöne Haus in den Garten hinaus. Einige hundert Gäste waren geladen, die schon gesellig an vielen Stehtischen ihre Small-Talk Gespräche aufgenommen hatten. Politiker, Unternehmer, angesehene Personen und, weil es in Ruanda einfach verhältnismäßig nicht so viele gibt, auch wir deutschen Freiwilligen durften den Abend im Überfluss genießen. 

Beim Schreiben dieser Zeilen drängt mich mein Unterbewusstsein ununterbrochen dazu, eine ethische Beurteilung dieser Erfahrung mit einfließen zu lassen. Schließlich schauen die Lebensumstände einige Kilometer entfernt von diesen Veranstaltungen teilweise komplett anders aus. Wie man das mit seinem Gewissen vereinbaren kann? Ich werde noch einmal drauf zu sprechen kommen. Zunächst setze ich aber fort, indem ich das schildere, was und wie es uns an den Abenden ergangen ist. Es gab an diesem 29. November natürlich Essen. Und was für welches! Minipizzen, Krabben, Fleischspieße, vieles mehr und das Beste: Deutscher Gulasch mit Spätzle. Hier in Ruanda deutsches Essen – ein Genuss! 

Zum Programm der Feierlichkeiten um den ‘Tag der Deutsche Einheit‘ kann ich sagen, dass natürlich eine Rede des neuen Botschafters auf dem Programm stand, gefolgt von der deutschen Nationalhymne, die von einer asiatischen Opernsängerin vorgetragen wurde, Klatschen, weiteren Reden, unteranderem auch von einem ruandischen Minister, und mehr oder weniger wichtige Small-Talk Gespräche zwischen mehr oder weniger wichtigen Persönlichkeiten. Zu den weniger wichtigeren Persönlichkeiten hätte ich dann uns Freiwillige gezählt. Amüsant. Uns Freiwillige nicht diffamieren wollend schreibe ich fast wie von selbst den Anzugträgern eine größere „Wichtigkeit“ zu, wobei ich auf persönlich, moralischer Ebene nie so einen Schluss ziehen würde. Wenn man zum ersten Mal in seinem ganzen Leben sich auf so einer Veranstaltung mit so vielen Leuten – nennen wir sie ‘einflussreich‘ nicht ‘wichtig‘, wobei das eine das andere natürlich nicht ausschließen muss –wiederfindet, dann lernt man fürs Leben, für die Zukunft. Der Abend, der – wie ich glaube – beispielhaft für eine Zukunft in einem Karrierejob sein kann, lässt mich auch über meine eigene Zukunft nachdenken. Freilich, das Essen war super lecker, aber sonst? 

Eine weitere Veranstaltung dieser Art war die Hoteleröffnung ‘The Hut‘, von der wir von einem Botschaftsmitarbeiter – Max – erfahren hatten. Viel gutes Essen und Getränke, eine Live Band und Smalltalk Gespräche. Waren es in der Residenz noch ein ruandischer Professor und ein deutscher Grünen-Politiker, unterhielten wir uns diesmal mit einer belgischen EU-Abgeordneten über ihre Arbeit und unsere Zukunft. Das Interessante sich auf solchen Veranstaltungen mit Personen zu unterhalten, ist verschiedene, vor allem internationale Berufsfelder kennenzulernen und diese mit den eigenen Interessen zu vergleichen. Will ich so etwas in Zukunft auch mal machen?  

Eine kleine Anekdote von diesem Abend: Zu einem Hotel gehört natürlich ein ordentlicher Pool, den Max an diesem Abend partout nicht ungenutzt lassen wollte. In der Dunkelheit, durch verschiedene bunte Lichter angestrahlt lag der Pool vor uns. Max entledigte sich seines Anzuges und sprang ins Wasser. Handtücher hatten wir natürlich nicht dabei, weswegen wir bei Regenwetter nicht unbedingt völlig durchnässt mit dem Moto heimfahren wollten. Außerdem wussten wir auch nicht, ob das überhaupt gestattet war. Mit einiger Überredungskunst überzeugte Max uns andere Freiwillige aber dann doch. So sprangen wir in den Pool und bereuten unter den leicht verwirrten Blicken der noch übrig gebliebenen Gäste absolut nichts. Wir konnten unser Glück kaum fassen, als ein Hotelmitarbeiter sogar mit Handtüchern ankam. Positiv überrascht beendeten wir unseren kurzen Tauchgang und zogen uns wieder an, um dann auf einen weiteren Hotelmitarbeiter zu treffen, der uns die Rechnung ausstellte. Mist! Egal, wir konnten noch ein Bisschen runterhandeln und hatten ja für Essen und Getränke schon nichts ausgeben müssen.

Auf eine weitere Veranstaltung machte uns wieder Max aufmerksam. Eine Feier der International Travel Agency auf dem Dach des Ubumwe Hotels – welches die schönste Rooftop-Bar in ganz Kigali hat (das ist zumindest meine Einschätzung). Essen, Getränke, ein Gespräch mit einem kongolesischen Öl-Unternehmer und diesmal nur Max und sein Kumpel, die in den Pool sprangen. Außerdem ein verrücktes Gewinnspiel, von dem ich aber nur privat weitererzählen werde. Falls jemand den Blog wirklich liest und sich interessiert, warum Dubai und die deutsche Residenz auch noch einmal erwähnt werden müssten, schreibt mir einfach privat.

Zum Schluss noch ein moralischer Kommentar zu diesem Beitrag, der – wie schon erwähnt – nicht ungeschrieben bleiben will. Er soll besagte Geschehnisse in einem kontrastreichen Kontext beleuchten, das Weltwärts-Programm mit einfließen lassen und sie kritisch beurteilen.

Da dieser Kommentar sich allerdings komplexer als gedacht herausstellte, werde ich ihn noch nachreichen.

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