​Fressen, Saufen, Feiern, fast gleichzeitig einem bettelnden Kind in der Stadt 100 FRW (10ct) verweigern und wie das zu einem Weltwärts-Freiwilligendienst passt

Ja, so krass hört es sich an, aber ist es auch so? Das Folgende soll weder eine Entschuldigung noch eine Rechtfertigung für das Geschehene sein. Es soll eher der Aufarbeitung und dem Hinterfragen dieses Themas dienen, wobei auch ich jetzt noch nicht weiß, wie diese Auseinandersetzung enden wird.

Fangen wir zunächst mit einem wichtigen Punkt des Weltwärts-Freiwilligendienstes an, der wie gemeinhin gedacht nämlich weder Entwicklungsdienst, noch ein „Ich gehe nach Afrika und helfe armen Kindern mit Geld“-Dienst ist (Ich traue mich fast nicht, diesen Satz zu schreiben, da er so vollgepumpt mit Vorurteilen ist).

Der Weltwärts-Freiwilligendienstes ist ein Bildungsprogramm. Ein wichtiges Ziel ist das Voneinander-Lernen, wobei beide Seiten profitieren. Die Menschen vor Ort, mit denen ich in Arbeit und Freizeit in Kontakt komme, lernen einiges über mich oder von mir und ich als Freiwilliger lerne auf jeden Fall sehr, sehr viel von ihnen. Der interkulturelle Austausch kommt dann zwangsläufig auf einer sehr gesunden un persönlichen Ebene zustande, was viele positive Effekte mit sich bringt. Angefangen von kleinsten Dingen, wie kleinen Tipps und Tricks im Haushalt (Kochen und Putzen auf eher konventionelle Art), über den Umgang in alltäglichen Situation (Zeitmanagement, Strafen für Schüler oder Schließen neuer Freundschaften mit Jugendlichen, die eine sehr unterschiedliche kulturell bedingte Erziehung erfahren haben) bis hin zu tiefgehenden Gesprächen über Leben, Politik, Glaube und Werte. Durch das Erfahren so vieler anderer Lebenseinstellungen hinterfragt man auch die eigene natürlich häufiger, aber man wird auch automatisch aufgeschlossener für wieder neue Ansichten in allen Bereichen des Lebens. Seinen Horizont auf so eine Art und Weise erweitern zu dürfen, ist wirklich ein Geschenk, das ich mir schon vor dem Freiwilligendienst gewünscht hatte. In anderen, ein wenig metaphorischen Worten: Die Welt rückt so ein Bisschen enger zusammen.

Ganz klar. Ich stehe im Vertrag mit dem ASC Göttingen und somit auch mit dem Weltwärts-Programm, weshalb es weder Ziel noch Aufgabe von mir hier ist Leuten mein Geld in die Tasche zu stecken. Aber das wäre mir zu einfach gedacht. Da ich ja nicht ein Gefangener eines Vertrages bin, ich noch eigene persönliche Interessen und moralische Werte besitze und auch das Weltwärts-Programm es meines Wissens nach nicht ausdrücklich verbietet, ist die Frage der Geldproblematik also noch nicht beantwortet. Ich lehnte diese Ungleichheit zwischen Arm und Reich immer grundsätzlich ab und kritisierte den Geiz vieler reicher Menschen. Lieber Geld in neue Autos, luxuriösere Urlaube und größere Häuser stecken, als etwas gegen diese Ungleichheit zu unternehmen. Ein Freund inspirierte mich mit einem Spruch: „If you have more than you need, build a longer table, not a higher fence”, worauf Philipp mich gerade darauf hinwies, dass wir seit einigen Monaten einen ordentlichen Stacheldrahtzaun um unser Haus angebracht haben lassen. Was für eine Ironie. Zu meiner Verteidigung: Der Zaun hat seinen guten Grund, denn er soll einen weiteren Einbruch verhindern. Und verständlich finde ich es, sein eigenes Hab und Gut zumindest schützen zu dürfen. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ich einen Laptop zum Beispiel einer Schule aus freien Stücken spende oder sich ein Einbrecher nachts Zugang zu unserem Haus verschafft und sich an ebengenanntem bereichert.

Als Teilnehmer des Weltwärts-Programms muss man sich jedoch klarmachen, dass man hier in Ruanda mit unserem Taschengeld als reich gilt. „Verdienen wir doch ohne jegliche Ausbildung oder Qualifikation mehr als ein Durchschnittslehrer“ – ein befreundeter Freiwilliger brachte es mit dieser Aussage neulich auf den Punkt. Nach meinem oben genannten Statement müsste ich in dieser Position als reicher ja etwas gegen die Ungleichheit tun. Oder hat meine neue Situation meine Meinung geändert? Hatte ich sowieso nur die wirklich Reichen gemeint? Oder hat dieser neuerlangte finanzielle Reichtum vielleicht einen Geiz in mir hervorgerufen, der mich davon abhält, einem bettelndem Kind 100 FRW (10ct) zu verwehren. 

Betrachten wir doch einfach mal beide Möglichkeiten. Mein Projektmanager Domy sagte mir auf Nachfrage, aus welchen Verhältnissen die bettelnden Kinder denn kommen, dass es entweder Straßenkinder oder Kinder, die von ihren Eltern nach der Schule in die Innenstadt geschickt werden, sind. Auch schicken Alleinerziehende ihre Kinder manchmal zum Betteln.   Angenommen, man gäbe einem Kind also 100FRW, wäre es um 100 FRW reicher. Was könnte es sich davon leisten, wenn es das Geld nicht vorher den Eltern aushändigen müsse. Wenn es Glück hat, vielleicht ein ganzes Abendessen. Hinzu kommt grundsätzlich die Gewissheit diesen Abend nicht hungern zu müssen, was auf psychischer Ebene nicht vernachlässigt werden darf! Klingt ja super, oder? Was passiert aber nun am nächsten Tag? Das Gleiche. Und am übernächsten? Ebenfalls. Was die Kinder nun daraus lernen ist, wenn sie ein Abendessen brauchen, gehen sie betteln. Und das Tag für Tag. Auch in der Zukunft wird sich mit so einer Einstellung an der Sache nicht viel ändern und ein Job, eine Ausbildung oder ein qualifizierendes Studium wäre schlichtweg undenkbar. „Free money“ nannte es Domy. Freies Geld, das man abgesehen vom Betteln praktisch vom Nichts-Tun bekommt. Ein Business könnte durch diesen Gedanken an freies Geld entstehen, was auf lange Sicht keine Sicherheit bieten kann und Menschen in noch größere Armut fallen können.

Das kurzweilige Glück über diese 100 FRW und das etwaige Abendessen, das damit verbunden wäre, oder die Zukunft, in der sich bei gleichbleibender Einstellung sich so viel ins Negative verändern kann. Was überwiegt nun? Etwas zugespitzt könnte ich so behaupten, dass ich einem Kind, das mich in der Stadt nach 100FRW fragt, die Aussichten auf einen Job in Zukunft verbauen würde, wenn ich ihm das Geld geben würde.

Was ist also aus meiner Ablehnung gegenüber der Ungleichheit zwischen Arm und Reich geworden? Zunächst habe ich festgestellt, dass einem bettelnden Kind die 100 FRW zu verweigern, kein Mittel ist, dieser Bestrebung gerecht zu werden. Es muss also andere Wege geben. Natürlich. Ein Beispiel ist die Ewaka-Foundation, die ich im Rahmen des Zwischenseminars in Jinja-Uganda besucht habe. Hier geht’s zu deren Website von EWAKA.

Spenden jeglicher Art sind hier immer herzlich Willkommen 😉 

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